Juli – Fülle

Der Juli umschmeichelt uns mit warmer Sommerluft, schenkt uns süsse Beeren und Früchte, den Duft von reifem Korn und lange, sonnenhelle Tage. Fülle, soweit das Auge reicht.
Die Göttin des Juli ist Ceres ( auch Julo genannt ), Göttin des Korns und der fruchtbaren Erde. Sie hält Weizenähren und rote Mohnblumen in ihren Händen.
Der Juli treibt auf die Spitze, was im Juni begonnen hat: Aus der Auseinandersetzung mit dem unumgänglichen Tod, erblüht die Lebendigkeit in unbeschreiblicher Fülle. Der Juli lädt uns ein, uns in all unserer Lebendigkeit zu zeigen, uns auszudrücken, zu singen, zu tanzen, zu malen oder zu dichten und unsere Liebe zu verschenken, so wie auch die Natur sich verschenkt. Der Juli lädt uns ein, mit allen Sinnen ganz bewusst all die Schönheit um uns herum wahrzunehmen.
Da unser Gehirn eine Problemlösemaschine ist, liebt es Probleme. Das ist außerordentlich praktisch und hat zu vielen sinnvollen, intelligenten Erfindungen geführt. Die Schattenseite dieses Mechanismus ist jedoch, dass unser Fokus oft auf dem Unperfekten, Problematischen liegt. Wer das erkennt, kann aus diesem Automatismus aussteigen und die Aufmerksamkeit immer wieder bewusst auf das Gute lenken. Der Juli macht uns das leicht. Viele haben Ferien und damit Zeit, um die schönsten Seiten des Lebens in vollen Zügen zu geniessen, auszukosten und zu feiern. Zeit, um vielleicht mal einfach nur da zu sein, ohne etwas zu wollen oder zu müssen. Zeit, um die Kostbarkeit der eigenen Lebendigkeit, die Schönheit der Natur und die Einzigartigkeit dieses Augenblicks mit allen Sinnen zu erleben.

Juni – innerer Wachstum

Der Juni ist der Monat des Lichts, der Blumen, Düfte und Farben.
Blüten und Blätter entfalten sich tausendfach, die Natur zeigt sich von ihrer üppigsten, buntesten, schönsten Seite. Alles badet im Licht der immer länger werdenden Tage. Die ersten süssen Früchte reifen, Heilkräuter entwickeln nahezu magische Kräfte, die Luft ist durchtränkt von sinnlichen Gerüchen, wie Jasmin, wilden Rosen, saftigem Gras und fruchtbarer Erde. Früher nannte man deshalb den Juni auch Johannismond, Rosenmond oder Grasmond. Das Wort Juni stammt von „Juno“ ab. Juno ist die römische Himmelsgöttin. Sie hat 2 Gesichter, eines für die Geburt und eines für den Tod.
Diese stehen symbolisch für den Wendepunkt in der Mittsommernacht.
Wenn das Licht am hellsten strahlt, beginnt es zu sterben, die Dunkelheit wird wiedergeboren und gewinnt langsam an Kraft. So schließt sich der ewige Kreis von Geburt und Tod, der immer wieder auf’s Neue durchlaufen wird….das eine immer schon im anderen angelegt.
Der Juni macht uns unsere eigene Vergänglichkeit bewusst. Im Wissen um den unumgänglichen Tod gewinnt das Leben an Intensität. Der beginnende Sommer lädt uns ein, über das Wunder unserer Lebendigkeit zu staunen und es ausgelassen zu feiern. Die Kraft der Sonne läßt unsere Kreativität erblühen und schenkt uns Energie, um Ideen und Träume zu verwirklichen. Wenn sich so unser ureigenes Wesen entfaltet, können wir von ganzem Herzen lieben und gleichzeitig wahrhaftig trauern. Beides gehört zum Leben dazu – das eine immer schon im anderen angelegt. Aus diesem Bewusstsein entsteht innerer Wachstum. Die Bereitschaft, uns authentisch zu zeigen, mit allem, was wir sind.

April – Öffnung

Der Name April kommt vom lateinischen Wort aperire. Es bedeutet öffnen.
Blüten und Blätter öffnen sich jetzt überall und erfreuen uns mit ihren zarten, fröhlichen Farben.
In der Frühlingssonne taut endlich der Boden auf, Gerüche kehren zurück, der Wald beginnt zu duften….. nach sonnenwarmer Erde, feuchtem Moos, würzigem Bärlauch und frischem Gras. Unzählige Schattierungen von Grün malen die Hügel sanft, Buschwindröschen, Ehrenpreis und Veilchen tupfen sie bunt.
Die Natur kitzelt unsere Sinne wach, lockt uns nach draußen und öffnet mit ihrer Schönheit unsere Herzen.
Doch der April, der weiß nicht, was er will!
Manchmal ziehen plötzlich dunkle Wolken auf und schütten Hagel oder Schnee über die Landschaft. Dann malt des nachts der Frost Eisblumen ans Fenster, als wollte er dem Frühling sagen: Schau, das mit den Blumen, das kann ich auch!
Obwohl die Gegenkräfte des Winters noch immer spürbar sind, recken sich die Pflanzen zum Licht und öffnen sich.
Blätter und Blüten wachsen der Sonne entgegen und trotzen tapfer dem Frost. Dem Wechsel der Witterung ausgesetzt, gewinnen sie gerade dadurch ihre Stärke. Nur durch die Erfahrung der wirkenden Gegensätze werden sie kräftig und widerstandsfähig. Es braucht den rauen Wind, um die Stiele zu stärken, damit sie Blätter, Blüten und Früchte tragen können und es braucht die Wärme der Sonne, um die Blüten zu öffnen. Eine Pflanze, die in einem geschützten Raum vorgezogen und erst dann ins Freiland gepflanzt wird, ist anfälliger und schwächelt später oft in den Turbulenzen des Wetters.
Von der Natur im April können wir einiges lernen:
Manchmal fällt es schwer, sich nach Verletzungen oder Enttäuschungen wieder für Neues zu öffnen. Wir ziehen uns dann aus Angst vor erneutem Schmerz zurück, wollen uns schützen, unangreifbar machen.
Doch ohne Öffnung kann die Kraft des Lebens nicht durch uns hindurchfließen und uns darin unterstützen, unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten zu entfalten. Ohne Öffnung können wir nicht erblühen, lieben und die Vielfalt des Lebens mit allen Sinnen erfahren. Jede Kraft weckt Gegenkräfte. Wer sich öffnet, wird verletzlich. Doch Widerstände, Widrigkeiten und traurige Erfahrungen gehören zum Wachstum dazu, machen uns stark und resilient.
Sie sind ein Teil des Lebens. Wir können sie nicht vermeiden. Aber wir können lernen, sie anzunehmen und an ihnen zu reifen.
Der April fordert uns heraus, unsere Ängste und Grenzen zu spüren, uns angemessen zu schützen, Gegenkräfte und Widerstände zu würdigen und uns trotzdem vorsichtig und mutig dem Leben mit all seiner Wildheit und Unberechenbarkeit zu öffnen. Nur so entstehen innere Stärke und Vertrauen in uns selbst.

Online Yoga

in der Corona – Krise

Ab Dienstag, den 31. März, gibt es meine Yogastunden online über YouTube und Zoom. Schreibe mir einfach eine Mail, dann bekommst Du einen Link, über den Du Dich einloggen und an der Yogastunde teilnehmen kannst. Ist ganz simpel! Alles was Du brauchst, ist ein ungestörter Ort bei Dir zuhause, eine Yogamatte ( oder einen Teppich ) und einen Pc oder ein Handy. Los geht‘s! Ich freue mich auf Dich!
lisa_boehlke@gmx.de

März – Umbruch

Manchmal ist es in der Mittagssonne schon verlockend warm.
In windgeschützten Ecken blühen Krokusse, Veilchen und Narzissen auf.
Endlich singen die Amseln wieder in der Morgen – und Abenddämmerung ihre wildromantischen Melodien. Die nach oben, dem Licht entgegen strebende Energie gewinnt an Kraft. Alles ist in Aufbruchstimmung, bereit für den Neubeginn.
Der Frühling lässt grüssen!
Doch der Winter scheint sich mit aller Kraft gegen den Umbruch zu wehren.
Immer wieder fährt er seine eisigen Klauen aus und pustet seinen stürmischen Atem über die Landschaft. Mit Schneeschauern und frostigen Nächten versucht er, dem Frühling zu trotzen.
Der Name “ März “ kommt von “ Mars „, dem römischen Kriegsgott. In ihm spiegelt sich der kämpferische Aspekt des Umbruchs in der Natur.
Ende des Monats beginnt, laut Kalender, der Frühling. Am 21. März sind Tag und Nacht überall auf der Welt 12 Stunden lang. Licht und Dunkel, die beiden gegensätzlichen Kräfte des Sommers und des Winters, sind für einen Moment im Gleichgewicht.
Doch dann lässt sich das neu erwachende Leben nicht mehr aufhalten. Es bricht sich seine Bahn nach draußen, Knospen öffnen sich, Triebe durchstoßen die Erde, helles Grün schwingt sich von Baum zu Baum, legt sich in zärtlicher Umarmung über die Hügel, Küken entschlüpfen den Eiern, Hasen tanzen Hochzeitstanz.
Auch in uns Menschen regen sich die Lebensgeister. Haben wir den Winter zum Ausruhen genutzt und die Zeit des Übergangs zum Reinigen und Ausmisten, können wir jetzt mit frischer Energie und Leichtigkeit in den Frühling starten. Die erträumten Bilder wollen manifestiert, in der materiellen Wirklichkeit umgesetzt werden, Gestalt annehmen.
Jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt. Der März ist ein guter Zeitpunkt, um Mut zu sammeln und den ersten Schritt zu gehen…. Ins Neue, ins Unbekannte, mitten hinein ins unberechenbare, wilde Leben. Die Sonne, das Licht, die Wärme, die Farben und Gerüche, der Gefühlsrausch des Frühlings unterstützen uns dabei.
„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ Hermann Hesse
Inspiration:
Übe Yoga um Deinen Körper zu kräftigen und zu beleben!  Sammel frische Frühlingskräuter und mach Dir daraus leckere, stärkende Mahlzeiten.
Nimm Dir nochmal Zeit, um Dich zu fragen, was ( im übertragenen Sinne ) die Sonnenstrahlen sind, die Deine Lebensgeister wachkitzeln. Gehe raus in die Natur, setze Dich an einen stillen Ort und spüre: Was lässt Dich lebendig fühlen, wann entsteht ein lustiges Kribbeln im Bauch, eine wohlige Wärme im Herzen? Und dann tue etwas konkretes, gehe einen ersten Schritt, um dem Raum zu geben, es in Dein Leben zu integrieren. Der Weg beginnt dort, wo die Freude ist.

Februar – Reinigung

Mit dem Februar beginnt die Zeit des Übergangs vom Winter in den Frühling. Obwohl die Nächte noch kalt und frostig sind, kann man überall schon kleine Frühlingsboten entdecken. Schneeglöckchen und  Winterlinge malen kleine Farbtupfer in die Landschaft, die Knospen der Bäume schwellen, Weidenkätzchen locken schlaftrunkene Insekten an und die ersten Vögel kehren aus dem Süden zurück. 

Die Sonne hat schon deutlich mehr Kraft, als zu Beginn des Jahres, und ihre wärmenden Strahlen kitzeln die Lebensgeister aller Wesen wach.

Langsam wenden Pflanzen und Tiere sich dem wiederkehrenden Licht zu und verlassen vorsichtig die stille Geborgenheit der Erde. 

Auch in uns Menschen macht sich die Sehnsucht nach dem Frühling bemerkbar. Die inneren Bilder, die in der Dunkelheit der Winterruhe erträumt wurden, drängen ans Licht.

Doch bevor sie sich manifestieren können, bevor das Neue, Frische gelebt werden kann, muss Platz dafür geschaffen werden. 

Der Name Februar geht auf den lateinischen Wortstamm „februare“ zurück und bedeutet „reinigen“. 

Das Thema des Februars ist die Reinigung von allem, was überflüssig geworden, oder nicht mehr stimmig ist. Es ist Zeit, sich von Unnötigem zu verabschieden und sich auf das Wesentliche zu besinnen. So kann Raum entstehen für Neues. 

Diese Qualität zeigt sich auch in alten Traditionen. Mit der Fastnacht wird der Winter ausgetrieben, damit der Frühling einziehen kann und in der anschliessenden Fastenzeit wird der Körper von altem Ballast gereinigt, um mit frischer Energie und Leichtigkeit in die aktive, helle Jahreszeit zu starten. 

Inspiration:

Nutze den Februar, um auszumisten. In allen Bereichen deines Lebens. 

Und wenn Du magst, komm in meine Yogastunden, um reinigende Asanas und Pranayamas zu üben und dich mit deinen Träumen zu verbinden, damit sie im Frühling erblühen können. 

Januar – Winterruhe

Zwar kehrt im Januar langsam wieder das Licht zurück, doch noch immer sind die Tage kurz und kalt, die Nächte lang und frostig. Die Natur scheint zu schlafen. Zumindest nach außen hin scheint alles still und leblos, der Erde zugewandt oder in die Erde zurückgezogen.

Doch im Erdinnern, in aller Stille und Ruhe, wird schon langsam der Frühling vorbereitet. Viele Wildtiere tragen ihre Jungen aus und Pflanzen bereiten ihre Knospen und Triebe vor. 

Die energetische Qualität des Januars ist die Erneuerung der Natur im Inneren. So, wie wir Menschen des Nachts schlafen, um am nächsten Morgen ausgeruht und erfrischt den Tag zu beginnen, erneuern sich jetzt die Kräfte der Natur. Bevor im Frühling das Leben wieder kraftvoll sprießen kann, braucht es den Winterschlaf in der Stille und Dunkelheit der Erde. 

So lädt die Natur auch uns Menschen ein, den Jahresbeginn zu nutzen, um uns zurückzuziehen, auszuruhen, nach Innen zu schauen. Vielleicht einfach mal nur da zu sein, die Dinge geschehen zu lassen, ohne irgendetwas zu wollen oder zu müssen. Eine Weile in der Tiefe zu verweilen, zu reflektieren und unsere Herzen zu befragen, was wirklich wichtig ist und wohin der Weg der Freude führt. Der Januar ist die Zeit des Spürens. Alles, was da ist. Das Schöne, aber auch das Traurige. Alles, wofür wir dankbar sein können und alles, was uns schmerzt und Angst macht. 

Denn all das ist von Bedeutung. 

Jeder Veränderung, die im Einklang ist mit unserem ureigenen Wesen, unseren Wünschen und Träumen, die von tief innen kommen, geht eine Zeit des Stillstands voraus, in der nach außen hin scheinbar nichts geschieht. Die Stille ist ein zentraler Bestandteil aller Wandlungsprozesse der Natur, auch unserer eigenen. Echte Veränderung beginnt immer innen, im Wesen der Dinge, bevor sie eine sichtbare Form annimmt. Der Januar lädt uns ein, uns diese stillen Phasen des Rückzugs zu gönnen, in denen wir uns intensiv mit unserer inneren Welt verbinden und spüren, was wir brauchen, um die Richtung unseres Herzens – Weges zu ermitteln. Sie lädt uns ein, träumend in die tiefen Schichten unseres Bewusstseins abzutauchen, uns mit der Urkraft des Lebens zu verbinden und zu vertrauen, dass wir gehalten und getragen werden, eingebunden in das gewaltige Netzwerk der Natur, in dem alles, was geschieht, eine Bedeutung hat. Für jeden Einzelnen ebenso wie für das Große Ganze. 

Inspiration:

Lass mindestens einmal am Tag einen ausgedehnten Moment der Stille entstehen. Suche dir einen Ort, an dem du ungestört bist. Setze dich bequem hin, schließe deine Augen, lausche deinem Atem, sei einfach nur da. Mit allem, was dein Lebendig – Sein in diesem Augenblick umfasst. Lass einfach geschehen, was geschehen will, ohne irgendwelche Erwartungen an dich selbst. 

Der Rhythmus der Natur

….oder die Entdeckung der Langsamkeit ….

Ein weiterer Sommer ist vergangen und noch immer sitze ich fast jedenTag für unbestimmte Zeit unter der alten Eiche. Mit weichem, weitem Blick schaue ich auf die Landschaft, beobachte, wie sich Licht und Farben verändern, atme tief, rieche Rinde und Laub, Moos, Pilze und Steine, Erde und Blumen. Ich spitze die Ohren, lausche dem Gesang der Vögel, dem Wind im Gras und dem Rascheln der Maus im Unterholz. Ich schliesse die Augen und spüre die Wärme der Sonne, die Kühle des Schattens, Regen im Gesicht.
Es ist dieses nach draussen gehen, bei Wind und Wetter, das immer stärker die Rhythmen der Natur in mein Bewusstsein rückt. Den langsam fliessenden Rhythmus der Jahreszeiten, den sich dadurch verändernden Tag – und Nachtrhythmus, die unterschiedlichen Rhythmen der Tiere und Pflanzen, die Mondphasen. Alles bewegt sich in Kreisläufen, immer wiederkehrenden Zyklen. Es ist ein Begreifen mit allen Sinnen, das über das rein intellektuelle Verstehen hinausgeht. Entscheidend ist dabei die Geisteshaltung, die Wachheit. Die Antennen auf Empfang gestellt, statt auf Senden. Ich selbst Natur, ein lebendiger Teil des Großen Ganzen.
Die Rhythmen schwingen auch in mich hinein. Ich spüre mein sich veränderndes Schlaf – und Ruhebedürfnis, wenn die Tage kürzer werden. Den Rhythmus meines weiblichen Zyklus, in Harmonie mit dem Zyklus des Mondes. Meinen sich verändernden Rhythmus im Prozess des Alterns.
Mir wird bewusst, wie oft ich versuche, in gleichbleibender Geschwindigkeit zu funktionieren, ungeachtet dessen, dass im Herbst und Winter in der Natur alles zur Ruhe kommt, sich zurückzieht, schläft und dann ganz langsam und mit Bedacht auf den Frühling vorbereitet. Ich stattdessen, eile meist in gewohntem Tempo weiter durch den vollgestopften Alltag.
Wie oft missachte ich das starke Bedürfnis meines Körpers nach Ruhe, wenn meine Periode naht und mir eigentlich nach Rückzug und Schlafen ist.
Wie oft studiere ich ehrgeizig spektakuläre Yogahaltungen ein, ungeduldig mit meinem Körper, als wäre er noch so kraftvoll geschmeidig wie vor 20 Jahren.
Es ist gar nicht leicht, mich entgegen aller Erwartungen, die von außen und von mir selbst an mich gestellt werden, diesen natürlichen Zyklen hinzugeben.
Aber wenn ich aufmerksam bin, kann ich ihn ganz deutlich spüren, meinen ureigenen Rhythmus, kraftvoll schwingend im Rhythmus der Jahreszeiten, der Gestirne, in Harmonie mit der Landschaft, die mich umgibt und all ihren Tieren und Pflanzen.
Langsam lerne ich, meinem Körper aufmerksamer zu lauschen, zu vertrauen und anzuerkennen, dass er intelligenter ist, als mein Verstand. Tue ich das nicht, ist es ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis er streikt. Bis ich beginne, mich unzufrieden oder unglücklich zu fühlen, bis mich eine Erkältung ins Bett zwingt oder eine Kopfschmerzattacke während der Periode lahmlegt. Gönne ich mir die nötige Ruhe, geht es mir gut, fühle ich mich entspannt, lebendig, ausgeglichen.
Je besser ich darin werde, desto weniger kann ich mithalten mit der Geschwindigkeit der künstlichen Welt um mich herum. Und umso wahnsinniger erscheint mir diese.
Neulich bin ich aus Trotz in Zeitlupe durch den Wald spaziert. Das war wie die Entdeckung einer neuen, bisher unbekannten, oder längst vergessenen Welt. Die Zeit hat sich aufgelöst. Irgendwann war ich nur noch Atem. Durchströmt, getragen. Und dann wollte mein Körper tanzen, einfach so, aus lauter Freude. Und so bin ich unendlich langsam, schwerelos schwebend in die Abenddämmerung hineingetanzt. Das war einer der schönsten Momente meines Lebens.

Into the Wild

Über die unerwarteten, weitreichenden Auswirkungen der Wildnispädagogik
– Oder – von der Verwandlung in ein seltsames Tier –
Was lernt man da, in dieser Wildnispädagogik – Ausbildung? … werde ich immer wieder gefragt….
Ich zähle auf: Feuerbohren, Löffel brennen, Wildpflanzen sammeln, Brennessel – Schnüre drehen, Salben herstellen, Spurenlesen, …. erzähle vom Lieder singen, von der Sitzplatz – Meditation, dass wir uns Blumen ins Haar flechten, Geschichten erzählen, üben, wie ein Fuchs zu schleichen, uns mit Hilfe des Sternenhimmels zu orientieren und vieles mehr. Doch während ich erzähle, merke ich, all das reicht nicht aus, beschreibt nicht das Wesentliche. Es ist nur die Oberfläche, das, was im Aussen passiert.
Viel bedeutsamer ist die Verwandlung im Innern. Ja, eine wahrhaft unerwartet magische Verwandlung…..Vieles hat dazu beigetragen. ZB dass wir des Nachts mit kohlegeschwärzten Gesichtern lautlos durch’s Gestrüpp kriechen sollten, dass wir bei Wind und Wetter in Matschhosen nach draußen geschickt wurden, um zu
„spielen“ ( vielleicht sollte ich kurz erwähnen, dass ich ca 41 Jahre alt bin )… und so einiges mehr….
Aber besonders bedeutsam erscheint mir, dass ich seit Beginn der Ausbildung fast täglich, zu unterschiedlichsten Tages – Nacht – und Jahreszeiten am Stamm einer knorrigen, alten Eiche sitze, um für eine Weile ganz still mit all meinen Sinnen die Natur um mich herum zu beobachten: zu sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken, zu spüren, zu ertasten: Pflanzen und Tiere, Dunkelheit und Sonnenlicht, Regen, Schnee, Trockenheit, Hitze, Stille, Wind, …Anfangs erschien mir das nicht sehr spektakulär. Doch irgendwann habe ich bemerkt, dass meine Wahrnehmung sich verfeinert. Dass ich immer mehr entdecke, je länger und stiller ich sitze. Dass eine kindliche Neugier in mir entsteht, eine lustige Art von Lebendigkeit, die mich in der Bauchgegend kitzelt. Und gleichzeitig eine immer stärkere Verbindung mit mir selbst. Gefühle, Bedürfnisse, Ängste, Träume, Fantasien und Intuition werden in dieser wachen Ruhe, mit der ich dort sitze, deutlicher wahrnehmbar. Ich ruhe tiefer in mir selbst. Und dieses Gefühl schwingt in meinen Alltag hinein. Dort bringen mich die großen und kleinen Dramen des Lebens nicht mehr so schnell aus der Fassung.
Es verändert sich viel. Langsam, kaum merklich, empfinde mich weniger als Fremdkörper, der die Landschaft von außen betrachtet, sondern werde mehr und mehr zu einem Teil der Natur. Das Erforschen der Umgebung verschmilzt mit dem Erforschen meiner Selbst.
Da denkt man, man muss weit reisen, um viel zu erleben. Und plötzlich entstehen die spannendsten Abenteuer auf der Wiese hinter der Gartentür.
Wenn ich nun in den Wald eintauche, um Holz, Harz oder Fichtentriebe zu sammeln, ist es gleichzeitig ein Eintauchen in meine eigene innere Wildnis, eine Rückverbindung mit uralten Instinkten, Befriedigung einer tiefsitzenden Sehnsucht, von der ich gar nicht wusste, dass sie in mir existiert. Sehnsucht nach diesen einfachen, unmittelbaren Erfahrungen.
Wenn wir bei einem Ausbildungsseminar wie Füchse über eine Wiese schleichen, komme ich mir nicht mehr albern vor, sondern spüre, wie etwas wildes, ursprüngliches in mir erwacht. Und sehe diese Wildheit, diese heimliche Freude, die sich, erst schüchtern und dann mit aller Kraft, ihren Weg ins Freie bahnt, in den Augen meiner Mitschüler blitzen.
Es scheint, als würden wir alle etwas ähnliches erleben. Als würde das, was wir dort draußen im Wald entdecken, sich in uns allen und auch zwischen uns allen zeigen.
Ist es einfach Verbindung? Eine wunderschöne, echte, natürliche, wirklich tiefe Art von Verbindung? Verbindung mit dem eigenen Wesenskern, Verbindung zwischen uns Menschen, Verbindung zwischen allen lebenden und toten Wesen, zwischen Vergangenheit und Zukunft, Geburt und Tod, Entstehen und Vergehen, zwischen Himmel und Erde, Tag und Nacht, Traum und Wirklichkeit, glücklich und traurig?
Ja, während ich mich so frei, gesund und lebendig fühle, überfließe vor lauter Freude, rollt plötzlich aus dem Nichts, eine Welle von Schmerz auf mich zu, ergreift mich, zieht mir den Boden unter den Füßen weg. So kraftvoll, dass ich die Tränen nicht unterdrücken kann. Ich bin erstaunt, über das, was da passiert, weil es so unerwartet kommt.
Ziemlich schnell wird mir klar, es ist Traurigkeit über all das, was wir verloren und versäumt haben…. nämlich die Fähigkeit, genau diese Verbindungen zu spüren, zu leben, zu achten, die Wertschätzung von all dem, was uns dieser wundersame Planet schenkt. Entsetzen über das Ausmaß der Gier und Brutalität, mit der wir ihn zerstören. Als würde all das körperlich spürbar werden.
Und dann entdecke ich, dass auch innere und äußere Welt untrennbar miteinander verbunden sind und dass ich ebenso traurig bin, über das, was in mir selbst unterdrückt, beinahe ausgestorben ist…. Urtriebe, Träume, kindliche Verspieltheit, Sehnsüchte, Verrücktheiten und Eigenwilligkeiten. Und inmitten dieser Erkenntnis rollt wieder eine Welle der Heiterkeit heran, entfaltet sich eine feurige, freudige Kraft in meinem Herzen, die Natur der friedvollen Kriegerin erwacht, die Wolfsfrau wird lebendig. Sie bewegt sich langsam, auf leisen, sanften Sohlen, beobachtet wachsam, schaut hinter das Offensichtliche, löst sich aus den Fesseln des Normalen, trotzt der modernen Welt, sie sträubt ihr Nackenhaar, nimmt Witterung auf und trabt zielstrebig hinein, in die dunklen Tiefen des Waldes……

Vielleicht hast Du Lust, Deine eigenen Erfahrungen zu machen?
Ich hab gehört, Waldbaden wird gerade zu einer großen Mode und die Lust auf Naturerfahrungen dieser Art, breitet sich aus wie ein Virus.
Ich kann Dir nur empfehlen, die Kopfhörer abzunehmen, wenn Du in den Wald gehst, Hightech – Klamotten und Handy zuhause zu lassen, Dich langsam und leise zu bewegen, mit so wenig Kleidung wie möglich auf der nackten Haut. Folge der Fuchsspur bis ins Unterholz, spiele dort mit Tannenzapfen und Steinen, wie ein Kind. Sei wachsam! Welches ist das leiseste Geräusch, das Du hören kannst? Wie riecht die Luft? Wie fühlt sich die Rinde des Baumes unter Deinen Fingern an? Welches Lied singt der Wind, welchen Rhythmus hat der Regen, welche Farbe die Wärme der Sonne?
Aber erschrick‘ Dich nicht, wenn Du abends beim Zähneputzen im Spiegel in die Augen einer Wildkatze schaust und Dir Deine Eckzähne ungewohnt spitz erscheinen 🙂