Der Rhythmus der Natur

….oder die Entdeckung der Langsamkeit ….

Ein weiterer Sommer ist vergangen und noch immer sitze ich fast jedenTag für unbestimmte Zeit unter der alten Eiche. Mit weichem, weitem Blick schaue ich auf die Landschaft, beobachte, wie sich Licht und Farben verändern, atme tief, rieche Rinde und Laub, Moos, Pilze und Steine, Erde und Blumen. Ich spitze die Ohren, lausche dem Gesang der Vögel, dem Wind im Gras und dem Rascheln der Maus im Unterholz. Ich schliesse die Augen und spüre die Wärme der Sonne, die Kühle des Schattens, Regen im Gesicht.
Es ist dieses nach draussen gehen, bei Wind und Wetter, das immer stärker die Rhythmen der Natur in mein Bewusstsein rückt. Den langsam fliessenden Rhythmus der Jahreszeiten, den sich dadurch verändernden Tag – und Nachtrhythmus, die unterschiedlichen Rhythmen der Tiere und Pflanzen, die Mondphasen. Alles bewegt sich in Kreisläufen, immer wiederkehrenden Zyklen. Es ist ein begreifen mit allen Sinnen, das über das rein intellektuelle Verstehen hinausgeht. Entscheidend ist dabei die Geisteshaltung, die Wachheit. Die Antennen auf Empfang gestellt, statt auf Senden. Ich selbst Natur, ein lebendiger Teil des Großen Ganzen.
Die Rhythmen schwingen auch in mich hinein. Ich spüre mein sich veränderndes Schlaf – und Ruhebedürfnis, wenn die Tage kürzer werden. Den Rhythmus meines weiblichen Zyklus, in Harmonie mit dem Zyklus des Mondes. Meinen sich verändernden Rhythmus im Prozess des Alterns.
Mir wird bewusst, wie oft ich versuche, in gleichbleibender Geschwindigkeit zu funktionieren, ungeachtet dessen, dass im Herbst und Winter in der Natur alles zur Ruhe kommt, sich zurückzieht, schläft und dann ganz langsam und mit Bedacht auf den Frühling vorbereitet. Ich stattdessen, eile meist in gewohntem Tempo weiter durch den vollgestopften Alltag.
Wie oft missachte ich das starke Bedürfnis meines Körpers nach Ruhe, wenn meine Periode naht und mir eigentlich nach Rückzug und Schlafen ist.
Wie oft studiere ich ehrgeizig spektakuläre Yogahaltungen ein, ungeduldig mit meinem Körper, als wäre er noch so kraftvoll geschmeidig wie vor 20 Jahren.
Es ist gar nicht leicht, mich entgegen aller Erwartungen, die von außen und von mir selbst an mich gestellt werden, diesen natürlichen Zyklen hinzugeben.
Aber wenn ich aufmerksam bin, kann ich ihn ganz deutlich spüren, meinen ureigenen Rhythmus, kraftvoll schwingend im Rhythmus der Jahreszeiten, der Gestirne, in Harmonie mit der Landschaft, die mich umgibt und all ihren Tieren und Pflanzen.
Langsam lerne ich, meinem Körper aufmerksamer zu lauschen, zu vertrauen und anzuerkennen, dass er intelligenter ist, als mein Verstand. Tue ich das nicht, ist es ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis er streikt. Bis ich beginne, mich unzufrieden oder unglücklich zu fühlen, bis mich eine Erkältung ins Bett zwingt oder eine Kopfschmerzattacke während der Periode lahmlegt. Gönne ich mir die nötige Ruhe, geht es mir gut, fühle ich mich entspannt, lebendig, ausgeglichen.
Je besser ich darin werde, desto weniger kann ich mithalten mit der Geschwindigkeit der künstlichen Welt um mich herum. Und umso wahnsinniger erscheint mir diese.
Neulich bin ich aus Trotz in Zeitlupe durch den Wald spaziert. Das war wie die Entdeckung einer neuen, bisher unbekannten, oder längst vergessenen Welt. Die Zeit hat sich aufgelöst. Irgendwann war ich nur noch Atem. Durchströmt, getragen. Und dann wollte mein Körper tanzen, einfach so, aus lauter Freude. Und so bin ich unendlich langsam, schwerelos schwebend in die Abenddämmerung hineingetanzt. Das war einer der schönsten Momente meines Lebens.

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